6. Das Kloster in der Stadt und die Goldene Tafel



Die Verlegung des Klosters von der Burg in die Stadt ab 1376 führte trotz mancher Unstimmigkeiten zur engeren Verbindung mit dem Rat der Stadt Lüneburg. Gleichzeitig blieb jedoch auch der Bezug des Ordensklosters zum Lüneburger Land und damit zum Herzog bestehen.
Zum Konvent des Klosters gehörten wohl nicht mehr als 25 Mönche, inklusive Abt und Prior, die überwiegend Angehörige des Lüneburger Adels waren.
Als besonderer Schatz aus dieser Zeit ist die Goldene Tafel zu nennen, das einstige Hochaltarretabel, die sich ab ca. 1420 im Hochchor befand.

Ein Schaubild dieser Goldenen Tafel finden Sie an der Wand, wenn sie auf den Eingang zugehen links davon. Die Goldene Tafel war der Wandelaltar, der sich zweimal aufklappen ließ.
Im aufgeklappten Zustand erreichte der Altar eine Spannweite von etwa 7,40 m.
Im Zentrum stand eine Goldplatte mit Reliefdarstellungen aus dem Leben Jesu und Mariens. Sie war mit Edelsteinen eingefasst. Diese so genannte „Goldene Tafel" gab dem ganzen Altar ihren Namen.
Als Rahmung der Reliefplatte diente eine umlaufende Doppelreihe von Fächern verschiedener Größe. Darin standen 88 Gefäße aus Gold, Silber oder Elfenbein, die den klösterlichen Reliquienschatz beinhalteten.
Die Reliquienfrömmigkeit spielte im Mittelalter eine große Rolle. Eine Reliquie ist ein Stück von Heiligen oder Märtyrerinnen und Märtyrern, die mit dem eigenen Leben bis zum oft gewaltvollen Tod für den Glauben an Jesus Christus eingetreten sind. Eine Reliquie kann ein Splitter von einem Knochen oder eine Haarsträhne sein oder auch ein Fetzen der Bekleidung. Im Laufe der Zeit ging man dazu über diese Teile zu sammeln. Man glaubte, dass in jedem dieser Teile die spirituelle Kraft des Heiligen oder Märtyrers anwesend sei und der Besitzer Anteil daran habe. Je mehr Reliquien man besaß, umso mehr konnte man auf die göttliche Gnade am Tag des Jüngsten Gerichts hoffen.
Dieses Heiligtum der Goldenen Tafel zählte zu den bedeutendsten mittelalterlichen Kirchenschätzen Deutschlands.

Im Folgenden werden die Bedeutungen der Darstellungen auf den Altarflügeln näher erklärt – es lohnt sich!
Wenn Sie jedoch schon jetzt zum nächsten Besucherpunkt gehen möchte, können Sie wenige Schritte weiter zu Punkt 7, zum Epitaph des Herbord von Holle gehen.
Lauschen Sie nun aber gerne den Details zum Bildprogramm der Goldenen Tafel.

Im geschlossenen Zustand werden auf zwei großen Darstellungen die Aufrichtung der ehernen Schlange durch Mose, eine Geschichte aus 4. Buch Mose 21, 6-9, und die Kreuzigung Christi gegenübergestellt. Warum ausgerechnet diese beiden Bilder?
Die Geschichte aus 4. Buch Mose erzählt, dass das Volk Israel nach der Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten während der 40jährigen Wanderung durch die Wüste sich immer wieder gegen Mose auflehnte und die Israeliten vom Glauben an Gott abfielen. Da ließ Gott Schlangen vom Himmel fallen, deren Biss tödlich war. Auf Gottes Geheiß hin errichtete Mose eine eherne, d.h. aus Kupfererz geformte Schlange an einem Stab. Wer gebissen war und die Schlange ansah, wurde geheilt.
Noch heute ist dieser sogenannte Äskulapstab das Symbol für Mediziner und Apotheker.
Der giftige Schlangenbiss und seine Folgen symbolisieren nach christlicher Auffassung die zerstörende und krankmachende Sünde. Jesus hat Menschen geheilt und hartherziges Verhalten der Menschen aufgedeckt. Er hat Vertrauen in Gott, Liebe und Vergebung gelebt und gelehrt. Durch seinen Tod am Kreuz und durch seine Auferweckung ist allen, die daran glauben neues Leben geschenkt.

In der ersten Wandlung sind Bilder aus dem Leben Jesu und Mariens zu sehen. Vielleicht erkennen Sie einige Geschichten wieder?
Von links nach rechts sind z. B. zu sehen: Die Verkündigung der Schwangerschaft durch den Engel an Maria, Jesu Geburt, Anbetung durch die Hirten und die Heiligen drei Könige, der Kindermord des Herodes, die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten. Man sieht den zwölfjährigen Jesus im Tempel, das Weinwunder bei der Hochzeit zu Kana und Jesu Taufe, sowie wichtige Stationen seines Wirkens.
Besonders detailliert sind die letzten Geschehnisse im Leben Jesu gezeichnet: Fußwaschung, Abendmahl, Jesus vor Pontius Pilatus als Vertreter der römischen Macht und vor dem jüdischen Hohepriester als religiöser Instanz. Pontius Pilatus und der Hohepriester tragen die Kleidung von Repräsentanten der weltlichen und kirchlichen Macht des Mittelalters. Dadurch schafft der Maler eine Aktualität und eine Identifikation mit Machtstrukturen seiner Zeit, so als wolle er sagen: was damals geschah, das geschieht immer wieder. Einer wird zum Schuldigen gemacht, weil Macht missbraucht wird. Oft genug waschen Menschen ihre Hände angeblich in Unschuld, aber niemand ist davor gefeit Täter zu werden – das ist es, was uns zu Sündern macht.
Dem Leidensweg Jesu, seinem Tod am Kreuz und dem Ostergeschehen sind im Vergleich zu seinem Leben mehr Bilder gewidmet, weil sich in Tod und Auferweckung die Heilstat Gottes durch Jesus offenbart. Jesus hat das Böse und den Tod besiegt. Gott ist Herr über Leben und Tod.

Im ganz geöffneten Zustand, der nur an kirchlichen Hochfeiertagen zu sehen war, sah man in der Mitte die goldene Tafel und den Reliquienschrein. Auf den Flügeln befanden sich 20 Holzstatuen von Heiligen.
Die Goldene Tafel wurde zweimal beraubt. Besonders der Raub durch einen Mann namens Nickel List im Jahr 1698 führte letztendlich zum Verlust der Goldenen Tafel. Nickel List stahl die Reliquiengefäße, das goldene Relief und die Edelsteine, mit denen dieses eingefasst war. Er und seine Räuberbande wurden gefasst und ihrer Strafe überführt, der Goldene Schatz aber blieb verloren.
Im Zuge der Umgestaltung der Kirche Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Altarretabel aus der Kirche entfernt. Mit Einzug des reformatorischen Glaubens hatte die Reliquienfrömmigkeit bereits ihre Bedeutung verloren.
Die beiden verbliebenen Flügelpaare der Goldenen Tafel sind heute im Landesmuseum in Hannover zu sehen. Teile des Kirchenschatzes aus dem einstigen Schrein finden sich zudem im Museum August Kestner in Hannover.

Wenn Sie sich vom Schaubild der Goldenen Tafel nach links wenden, sehen Sie das Epitaph des Abts Herbord von Holle, mit dem eine neue Ära der Geschichte des St. Michaelisklosters anbrach.